Bedrohte Elite oder Realitätsoptimismus? Drei Gegenfragen zur Gegenrede von Sascha Lobo.
Unter dem Titel “Die bedrohte Elite” publizierte der Spiegel Anfang des Monats (No. 50/09) eine “Gegenrede” von Deutschlands “bekanntestem Blogger”, Sascha Lobo, zu Frank Schirrmachers aktuellem Buch “Payback“. In diesem beschreibt der FAZ-Mitherausgeber Macht, Gefahren und Chancen der heutigen Informationstechnologie.
Hier drei Thesen von Lobo im Hinblick auf die mediale Wirklichkeit unserer Kinder – und unsere Gegenfragen zu seiner Gegenrede:
Zitat 1:
“Es ist zwar ebenso wahr wie gefährlich, dass vielen Menschen nur noch als Realität erscheint, was unter den ersten zehn Google-Treffern zu finden ist. Das ist aber ein Problem der Medienkompetenz in der Gesellschaft und nebenbei einer der Gründe, weshalb ich ein Schulfach Interneterziehung fordere; Eltern können heute ihren Kindern viele notwendige Erkenntnisse nicht vermitteln, weil es das Internet noch nicht gab, als sie ihre gesellschaftliche Prägung und Ausbildung erfuhren.”
Gegenfrage 1:
Wissen Eltern wirklich, wie wichtig Medienkompetenz für die Zukunft ihrer Kinder ist?
Die Forderung nach dem Internetschulfach ist weder neu noch originell noch verkehrt. Aber sie zeigt, was wir zuletzt durch die von uns angeregte Diskussion in Berlin wieder einmal eindrucksvoll erleben durften: Wenn es darum geht, wer für die Medienkompetenz unserer Kinder verantwortlich ist, hilft es leider nicht weiter, die Verantwortung auf unterbezahlte und (wie die Eltern – wenn das denn so stehen gelassen werden kann) ohne Internet-Prägung aufgewachsene Lehrer abzuschieben. Ebensowenig, wie die Politik mit einfachen Sperren für die Sicherheit im Netz sorgen kann.
Ist es nicht vielmehr so, dass es nach wie vor ein fehlendes Bewußtsein bei vielen Eltern gibt, wie wichtig die verantwortungsvolle und frühe Medienkompetenzvermittlung bei Kindern heute ist?
Zitat 2:
“Die Klage über den Niedergang der Kultur durch das Internet und die gesellschaftlichen Begleiterscheinungen verkennt neben vielen anderen Punkten – etwa der Zugänglichkeit von Wissen – die unglaubliche Renaissance der Schriftkultur, die durch das Netzbei der Jugend stattgefunden hat. Wie viel hat ein durchschnittlicher 14-Jähriger in den achtziger Jahren außerhalb des schulischen Pflichtprogramms geschrieben? Und um wie viel mehr schreibt er heute in alle Ecken und Enden des Netzes hinein? Davon mag ja das meiste orthografisch und grammatisch schwer erträglicher Unsinn sein – aber schriftliche Kommunikation geht dem Jugendlichen 2009 wohl leichter von der Hand als 1989.”
Gegenfrage 2:
Schönreden oder Schlechtreden – oder lieber auf dem Boden der Tatsachen bleiben?
Hier handelt es sich argumentativ ganz sicher um einen schönen Schachzug, um die “Guten Seiten” des Netzes in Bezug auf unsere Jugend zu rechtfertigen (allerdings ohne jede erkennbare statistische Grundlage).
Verschleiert diese Behauptung aber nicht ein wenig die zunehmende Benachteiligung von Kindern mit Eltern, die die Wichtigkeit der Internet-Medienkompetenz nicht erkannt haben? Nichts gegen das Bloggen, Twittern, Myspacen und Facebooken oder Studivauzetten der Kids – aber was nützt die schriftliche Betätigung, wenn keine kritische Begleitung der wichtigsten Bezugspersonen, nämlich der Eltern erfolgt?
Zitat 3:
“Es bleibt die Kapitulation vor der Flut der Reize, die Schirrmacher beklagt, verbunden mit dem Gefühl “aufgefressen zu werden”. An dieser Stelle tut es uns, der digitalen Generation, vielleicht gut, von unserem hohen Ross herabzusteigen, jede Häme fahrenzulassen und auf die Bedürfnisse der Elterngeneration einzugehen. Die digitale Welt ist in der Tat noch viel zu kompliziert.”
Gegenfrage 3:
Absteigen oder lieber den richtigen Menschen in den Sattel helfen?
Dankenswerterweise ist die Lobo-Aufforderung, vom hohen Ross zu steigen und sich um die Probleme derjenigen zu kümmern, die mit dem Netz und seinen Auswirkungen auf die nächste Generation überfordert sind, auch auf ihn selbst zutreffend. Er beantwortet zwar den Kulturpessimismus der vorvorigen Generation mit gedämpftem Kulturrealismus, bleibt aber beim Absteigen leider noch ein wenig am Steigbügel hängen.
Wie viele innerhalb der adressierten Elterngeneration werden diesen hochtrabenden Beitrag verstehen und entsprechende Schlüsse ziehen können? Warum werden keine Positivbeispiele und tatsächliche Orientierung geboten?
Es gibt so viele positive Ansätze und mittlerweise auch Tools, die Eltern bei der medialen Erziehung der kommenden Generation zu unterstützen. Was fehlt, sind diejenigen gesellschaftlichen Vorbilder, die neben ihren absolut notwendigen und berechtigten Hoch-zu-Ross-Diskursen ihre Leuchtturmfunktion auch an der Basis wahrnehmen. Jede Aufforderung von bekannten Persönlichkeiten, sich intensiv um das Treiben und Verständnis der eigenen Kids im Netz zu kümmern, wird mehr bewirken, als ewig uneinige Proteste gegen Fehler von Politik und Lehrkörper, die in den Mühlen des jeweiligen Diskurses sowieso nur versickert. Und es dürfte gern auch in allgemeinverständlicher Sprache geschehen.
Wir freuen uns über Kommentare hier und natürlich auch via Twitter.
Tags: Gegenrede, Lobo, Medienkompetenz, Payback, Sascha Lobo, Schirrmacher, Spiegel
Dec 14, 2009
Danke, dass ich auf den Beitrag via Twitter aufmerksam gemacht wurde.
Es ist vieles richtig was geschrieben wurde, aber die “Erziehung Internet” ist eben auch ein teurer Spass, den viele finanziell nicht bewerkstelligen können und vielleicht wäre da auch mal anzusetzen. Die Töpfe der Europäischen Union - Bildungsfonds sind voll bis oben hin, aber keiner (weder Lehrer/noch Eltern) haben wirklich die Zeit sich durch diesen Wust zu ackern um für die Schulen Fördergelder zu akquirieren.
Ich bin absolut dafür das Schulsystem dahingehend ganz neu zu schaffen, aber die Voraussetzungen sind noch lange nicht geschaffen.
Eine meiner Töchter nimmt genau dies wahr. Mindestens 50% des Unterrichtes erfolgt über Notebook. Extra zu dieser “Spezial”-Klasse wurde auch das Fach Medien und Kommunikation eingeführt. Die Kids lernen tolle Dinge wie bloggen, Umgang mit der Technik, Datenschutz und vieles, vieles mehr.
Ich rede hier im übrigen von einer Siebt-Klässlerin.
Die Lehrer werden perfekt von Apple Education gefordert und gefördert.
Aber die Kosten wie z.B. das MacBook Pro mussten wir selber tragen. Und das kann eben nicht jeder.
Hier noch ein, meiner Meinung nach, sehr interessantes Whitepaper zu diesem Thema:
http://digitalyouth.ischool.berkeley.edu/files/report/digitalyouth-WhitePaper.pdf
Vielleicht sollten Lehrer/Eltern/Kinder die dies engagiert angehen mehr Möglichkeiten haben mit über all dies zu diskutieren, damit mehr Lehrer, Eltern, Schüler und auch die Öffentlichkeit die Vorteile für die Zukunft sehen.
Bleibt dran - alle
und p.s. weil es gerne diskutiert wird: nein, Kinder verlieren weder an humanistischer Bildung noch an gesundem und empathischen Sozialverhalten durch “mehr technische Kommunikation”, sie streiten sich trotzdem offline, verlieben sich offline, finden sich doof und sind am nächsten Tag wieder beste Freunde etc. -
M.
Dec 15, 2009
Sascha Lobos Gegenrede findet sich seit gestern auch auf SpON: http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,665806,00.html
Dec 15, 2009
Ihre Gegenfragen sind durchaus interessant und nachvollziehbar, allerdings habe ich dazu ein paar kritische Anmerkungen:
Ihr Credo (und auch das Ziel Ihres Produkts) ist es, die Medienkompetenz der Eltern zu fördern. Das ist ein vielversprechender Ansatz, der sicherlich vielen Familien weiterhelfen wird. Dennoch müssen wir sehen, dass (wie Sie bereits geschrieben haben) nicht alle Eltern die Bedeutung der Medienkompetenz richtig einzuschätzen wissen - eben deshalb finde ich die Forderung nach einem Schulfach “Internet” so wichtig!
Auch wenn Sie (etwas polemisch) von unterbezahlten, nicht immer technikaffinen Lehrern sprechen: Meiner Meinung nach ist es wesentlich aussichtsreicher, Medienkompetenz-Vermittlung in die Schule zu verlegen, als die Medienerziehung allein ins Elternhaus zu verlagern (was vermutlich viele Lehrer begrüßen würden).
Bei Elternabenden ist meist festzustellen, dass sich nur ein relativ geringer Teil interessierter Eltern mit der Thematik beschäftigt, während die Mehrzahl solchen Informationsveranstaltungen fernbleibt. So schön es ist, Interessenten zu erreichen, so schade ist es auch, zu sehen, wie viele nicht interessiert sind. Insofern kann der Ruf nach einer Stärkung der Eltern allein nicht genügen: Die Schule ist hier (meiner Meinung nach) stärker in die Pflicht zu nehmen!
Übrigens werden demnächst in Großbritannien Unterrichtseinheiten zum sicheren Umgang mit dem Internet angeboten, http://www.pressetext.de/news/091209001/grossbritannien-internet-wird-pflichtfach/ - ein Schritt in die richtige Richtung, der hoffentlich auch in der deutschen Bildungspolitik wahrgenommen wird!
Den Einsatz von kinkon im schulischen Kontext finde ich deshalb mindestens ebenso spannend wie den Privat-Einsatz. Und nicht zuletzt hoffe ich, dass sich viele Eltern (wie auch Schulen) kinkon anschließen, so dass eine lebendige, aktive Medienkompetenz-Community entsteht. Viel Erfolg!
Dec 15, 2009
Lieber Herr Friedrich,
erst einmal vielen Dank für Ihre Anmerkungen und danke für Ihre Toleranz der leichten Polemik des Beitrags.
Wie ich in meinem Beitrag (ohne jede Polemik) schreibe, sind wir in Ihrem ersten Punkt einig. Es ist überhaupt gar nichts gegen ein Schulfach “neue Medien” einzuwenden. Schon im Interesse meiner eigenen Kinder - daher schrieb ich “Die Forderung ist weder … noch verkehrt”. Vielleicht wäre es ja noch besser, auch die Eltern an diesem Unterricht (wenigstens zeitweise) teilnehmen zu lassen? Was meinen Sie?
Heraus stellen wollte ich allerdings einen anderen Aspekt. Denn das neue Schulfach allein löst z.B. nicht das Problem fehlender Begleitung NACH der Schule. Und es hilft auch nicht, das so wichtige Vertrauen zwischen Eltern und Kindern herzustellen. Wie viele Kinder haben das Glück, mit Ihren Eltern offen über ihre (ersten, zweiten oder dritten) Erfahrungen im Web offen sprechen zu können?
Und zu ihrem zweiten Punkt: Wir verfolgen ja beide Richtungen - sowohl den Einsatz an Schulen als auch den Einsatz in den Familien. Zweiterer steht allerdings derzeit im Vordergrund unserer (auch kommunikatorischen) Bemühungen … und aus der Erfahrung vieler Gespräche - sowohl mit Eltern als auch mit Schulleitungen, auf Elternabenden, auf Landesebene etc. - sieht unser Zwischenfazit doch eher so aus, dass der grössere Aufklärungs- und Überzeugungsbedarf auf Elternseite besteht. Aber andererseits natürlich auch die schnellere Handlungsbereitschaft.
Die derzeitige öffentliche Diskussion betont sehr stark den Datenschutz, sucht nach Fehlern im “System” (wir Deutsche sind eben doch ein Land der Ingenieure) und kritisieren am liebsten die “verantwortlichen Stellen”. Und da liegen die “öffentlichen” ja meist am nächsten.
Wie viel Eltern ganz ohne Hilfsmittel und nur mit Zeiteinsatz für die allseits beschworene “media literacy” ihrer Kinder tun können, darum ging es mir.
Ich würde mir daher bekannte Vorbilder wünschen, die zeigen, wie mediale Erziehung abseits der Schule im Alltag aussehen kann. Um Eltern konkrete Ideen und Vorbilder und Orientierung zu bieten. Auch Medien haben in diesem Kontext eine gesellschaftliche Verantwortung und auch hier stellt sich sicher die Frage nach dem “mehr in die Pflicht nehmen”.
Sprich: Es ging mir in diesem Fall gerade um gerade diejenigen Eltern, die (ab und an sicher aus guten Gründen) der einen oder anderen Elternversammlung fernbleiben und sich nicht täglich mit Schulpolitik (auch nicht im Kleinen) beschäftigen können oder wollen.
Vielleicht können wir uns auf ein “alle Beteiligten an der Erziehung können gar nicht stark genug in die Pflicht genommen werden” einigen?
Und vielen Dank für Ihre guten Wünsche, jeder gedrückte Daumen hilft uns!
Beste Grüße,
Helge Brzoska